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16.04.18


Conchita Wurst alias Thomas Neuwirth hat via Instagram öffentlich gemacht, seit vielen Jahren HIV-positiv zu sein. Zwei Gedanken dazu: 1. Was ein Armutszeugnis, dass es immer noch schwierig ist, offen darüber zu kommunizieren, da mit negativen Folgen für sich, aber auch für das eigene soziale Umfeld zu rechnen ist und man somit 2. erpressbar sein kann. Das ist doch ein Irrsinn. Nichtsdestotrotz ist das einzige Mittel dagegen das selbstverständliche Sprechen darüber.

15.04.18

Erinnerungen


Mit zunehmendem Alter stelle ich fest, dass frühe Erinnerungen wieder plastischer werden und mir Dinge einfallen, die ich für lange Zeit vergaß. Es ist wie surfen in der eigenen Doku, Regisseurin und Darstellerin in einem. Manche der Bilderfolgen widersprechen meinen bisherigen, so handsam konstruierten Filmausschnitten. Manche verwirren, manche entzücken mich und bei einigen wird mit kotzübel.

Erinnerungen sind ein komisches Ding. Konstruiert aus dem jeweiligen Jetzt, Erfahrungen einbeziehend oder ausschließend, so wie es die innere Balance gerade braucht. Vertrauenswürdig ist was anderes. Doch es gibt einen roten Faden. Unübersehbar. Und unterm Strich bleibt die Erkenntnis: Was für ein geiles, schräges, abgefahrenes Leben dieses Weib bisher geführt hat. Darauf lässt sich gut aufbauen.



18.02.18

Der wesentliche Unterschied


Soll ich ihn noch einmal erklären, diesen Unterschied? Gerne.

Zwei völlig unterschiedliche Menschenbilder:

Auf der einen Seite jenes, das Menschen hierarchisch einteilt in Rassen und Ethnien, denen aufgrund eben dieser, oft recht fantasievollen und willkürlichen, Einteilung ein höherer, niedriger oder gar kein Menschenstatus und den dazugehörigen Rechten zugestanden wird.

Auf der anderen Seite jene, die Menschen unabhängig von Äußerlichkeiten und Zufälligkeiten der Geburt Gleichheit und Vielfalt zugestehen und für die alle! Menschen die gleichen Rechten haben.

Es liegen Universen zwischen diesen Menschenbildern und den dazugehörigen Denk- und Handlungsmustern.

Über die unzähligen Varianten dieser Muster der zweiten Seite streite, diskutiere und plaudere ich gerne. Manchmal lerne ich dadurch neue Aspekte kennen. Das finde ich gut. Manchmal kritisiere ich und manchmal kommt die Kritik an, manchmal nicht. Manche von denen sind meine Freunde, manche nicht. Mit manchen würde ich mein Leben teilen, mit anderen nicht.

Mit Menschen, die dem ersten Menschenbild anhängen spreche und diskutiere ich auch. Bis zu einem bestimmten Punkt. Diese Menschen möchte ich nicht in meinem rein privaten Umfeld dulden. Ich würde niemals mein Leben mit ihnen teilen.

17.02.18

Versorgung


Mal was ganz Persönliches: Nach Wochen mit immer heftiger werdenden Stapelinfektionen mit sehr hohem Fieber und ständigem Auf und Abs ist unser Kleiner jetzt endlich wieder fieberfrei, isst und trinkt mit Freude und erobert sich gut gelaunt seine Umgebung. In diesen Wochen haben wir viel Unterstützung und Hilfe bekommen, von Ärzten und vom Kindernotdienst in Gelnhausen. Für mich ist das nichts Selbstverständliches. Das wird es nie sein. Ich habe zu viele Kinder an vielen Orten dieser Welt leiden und sterben sehen, weil keine adäquate medizinische Hilfe zu bekommen war. Es gab sie schlichtweg nicht.

Ja, ich bin dankbar, dass es dies in meinem Land gibt. Das ist nicht mein Verdienst. Ich habe einfach nur Glück, dass ich hier geboren wurde und hier leben darf.

Ich wünsche mir, dass wir alle dafür sorgen, dass dies so bleibt und noch besser wird. Und dass irgendwann alle Menschen auf der Welt auf diese Hilfe und Unterstützung in ihrer nahen Umgebung frei und selbstverständlich zugreifen können.

Danke.

Internet


Das Schöne am Internet ist, dass ich mitten in der Nacht mit jemandem am anderen Ende der Welt den Sonnenaufgang via Skype erleben kann.

Das Zweitschönste ist, dass, wenn man nachts virtuell um die Welt wandert, man ganz und gar kostenlos all seine Fremdsprachenkenntnisse aufgebessert bekommt.

Das Drittschönste ist, dass man es, immer wenn man will, einfach abschalten kann.

Zivilcourage


Weil es, neben Solidarität, eines meiner Lieblingsworte ist und weil wir sie so sehr gerade in diesen Zeiten brauchen: Zivilcourage

Was mir zu diesem Wort spontan einfällt: Eier in der Hose, Herz in der Hand, Mitgefühl, Position beziehen, Widerstand, Solidarität.

Über den eigenen Tellerrand schauen und gehen, gesunder Egoismus, Gerechtigkeitsgefühl, Eigenverantwortung, Liebe.

Sich einsetzen, Verweigerung, selbst Denken, aufklären. Das Leben in die eigenen Hände nehmen, im Regen tanzen, sich wehren.

Zu den eigenen Überzeugungen stehen, standhalten, Gehorsam verweigern, Nein sagen, Ja sagen. Aufstehen, wo andere sitzen bleiben.

Reden, schreiben, laut werden, wo andere schweigen. Nicht weg sehen. Dableiben, wo andere weglaufen. Hand reichen. Eigene Entscheidungen treffen.

Visionen. Konsequenzen selbstbewusst in Kauf nehmen. Freude und Lachen. Sich seiner selbst bewusst sein.

Für etwas sein.

Sich nicht entmutigen lassen ...und ... und ?? ... Oh, der Mut ... ja, dazu gehört wohl Mut.

04.02.18

Blitzlicht am frühen Morgen


Manchmal weiß ich nicht mehr, weshalb, wofür, warum ich mich immer wieder darum bemühe, Menschen mit meinen blubbernden Worten und Gedanken zu erreichen. Dann bin ich müde, traurig, verzweifelt und nur noch am Weinen. Vier kleine Videos habe ich mir gerade angesehen. Hintereinander. Noch etwas unausgeschlafen und dadurch distanzlos, so dass sie mir voll ins Gehirn knallten. Amateuraufnahmen wohl alle und deshalb sehr realistisch direkt. Nein, ich werde sie nicht verlinken, ich werde sie nur beschreiben, denn Schreiben rettet mich gerade. Im ersten Video ohrfeigt ein Mann in einer Gruppe von schweigend dabei sitzenden Menschen eine junge Frau. Er tut es immer wieder und schreit dabei irgendwas in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Die Frau wehrt sich nicht. Immer wenn sie den Kopf hebt, schlägt er wieder zu. Keiner der Anwesenden rührt sich. Im zweiten Video hat ein Vater seine kleine Tochter (sechs bis acht Jahre alt schätze ich) gefilmt, nachdem sie ihr erstes Tier getötet hat. Einen jungen Hirsch wohl. Sie zittert und kann nur völlig hechelnd flüstern. Er sagt ihr, wie toll sie das gemacht habe. Seine Stimme ist so ruhig und sanft. Sie kann das hilflose Zittern nicht kontrollieren, sie bebt am ganzen Körper, ihre Augen sind entsetzt aufgerissen. Doch sie folgt seinen Anweisungen und geht zu dem zuckenden Tier, hebt seinen Kopf am Geweih hoch und posiert. Im dritten Video sieht man einen Zusammenschnitt von Gewaltszenen gegen Frauen durch ihre Männer, Partner auf der Straße. Es sieht nach Amateuraufnahmen aus, verwackelt, etwas unscharf. In einer Szene schleift der Mann die Frau über die Straße. Unerwartet sieht man, dass sie ein Kind im Arm festhält. Er tritt und schlägt sie und trifft dabei auch immer wieder das kleine Kind. Im vierten Video, das wohl in Syrien gedreht wurde, versuchen Helfer kleine Kinder unter schweren Trümmern auszugraben. Man hört das eine Kind erbärmlich schreien. Andere sind wohl schon tot.
Diese Filmchen sind aus ganz unterschiedlichen Ländern/Kulturen und Zusammenhängen. Sie haben eines gemeinsam: Sie fressen sich in meine Magengrube und ich komme mir gerade so lächerlich vor mit all meinem Geschreibsel und Gemeckere über meine, unsere täglichen popligen Sorgen und Nöte hier. Ich komme mir so deppert naiv vor, wenn ich dann immer wieder versuche mein selbst gebasteltes positives Menschenbild in Bilder und Worte zu fassen gegen all den Hass und das Elend und gegen das Entsetzliche, was Menschen den Menschen antun. Vielleicht bin ich einfach nur blöd und feige und tue das alles nur um meine eigene Seele vor dem wimmernden Wahnsinn zu retten. Heute ist kein guter Morgen, nein, so gar nicht.
Ich könnte es natürlich auch sein lassen. Mir solche Dinge nicht mehr anschauen.
Nein, das kann ich nicht. Es sein lassen. Das geht nicht. Ich kann nicht so tun, als gäbe es solche Dinge nicht.
Nein, ich kann auch nicht aufhören an das Gute, Mitmenschliche, Mitgefühl im Menschen zu glauben. Denn die Menschen, die diese Filme teilen, sind ja gegen das, was dort geschieht. Sie wollen aufmerksam machen, wollen, dass dies aufhört. Und die Helfer, die die Kinder ausgegraben haben, tun dies voller Tränen und Verzweiflung. Aber sie tun es. Nein, es gibt auch diese andere Seite. Und es gibt so viele davon. Es gibt sie, gibt sie, gibt sie.
Verarsch ich mich selbst? Ich weiß es nicht.